Versorgungssicherheit: Weniger Gas, mehr Speicher – 166 Mio. Euro Sparpotenzial
23.04.2026: Langzeit-Batteriespeicher könnten eine deutlich größere Rolle für die Versorgungssicherheit in Deutschland spielen als bislang politisch vorgesehen – und das zu geringeren Kosten für Verbraucher. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des Beratungshauses LCP Delta. Im Zentrum steht die Frage, wie künftige Kapazitätsausschreibungen ausgestaltet werden sollten, um Versorgungssicherheit effizient und bezahlbar zu gewährleisten.
Die Untersuchung erfolgt vor dem Hintergrund geplanter Ausschreibungen über insgesamt zwölf Gigawatt neuer Kapazitäten. Zehn Gigawatt davon sollen laut europäischer Genehmigung eine Mindestverfügbarkeit von zehn Stunden aufweisen. Während diese Vorgabe grundsätzlich technologieoffen ist, zielt die politische Ausgestaltung bislang stark auf neue Gaskraftwerke ab. Batteriespeicher drohen dadurch systematisch benachteiligt zu werden – obwohl ihre wirtschaftlichen und systemischen Vorteile zunehmend belegt sind.
Die Realität der Stromlücken
Ein zentraler Befund der Analyse betrifft die tatsächliche Dauer von Versorgungsengpässen. Die Auswertung modellierter Jahre bis 2045 zeigt, dass 82 bis 87 Prozent aller Engpasssituationen höchstens zehn Stunden andauern. Rund die Hälfte dieser Ereignisse liegt sogar unter vier Stunden. Längere Mangellagen, wie sie in der öffentlichen Debatte häufig als Argument gegen Batteriespeicher angeführt werden, sind statistisch selten.
Diese Erkenntnis relativiert die Bedeutung von langanhaltenden „Dunkelflauten“. Zwar können Batteriespeicher solche Extremfälle nicht allein abdecken, doch genau darum geht es laut Studie auch nicht. Versorgungssicherheit entsteht nicht durch eine einzelne Technologie, sondern durch ein Zusammenspiel verschiedener Optionen – darunter flexible Nachfrage, Speicher und regelbare Kraftwerke.
Langzeit-Batteriespeicher mit Laufzeiten von zehn bis zwanzig Stunden können einen erheblichen Teil der benötigten gesicherten Leistung bereitstellen. Ab etwa 18 Stunden Speicherdauer erreichen sie ein vergleichbares Niveau wie Gaskraftwerke. Grund dafür ist ihre hohe technische Verfügbarkeit, die über der fossiler Kraftwerke liegt.
Kostenfrage mit politischer Sprengkraft
Neben der technischen Eignung ist vor allem der wirtschaftliche Vergleich entscheidend. Die Studie zeigt, dass Batteriespeicher deutlich geringere Förderbedarfe aufweisen als neue Gaskraftwerke. Während Speicher im Schnitt rund 31 Euro pro Kilowatt und Jahr benötigen, liegen vergleichbare Gaskraftwerke bei etwa 100 Euro.
Der Unterschied ergibt sich aus der besseren Markteinbindung: Batteriespeicher können ganzjährig von Preisschwankungen profitieren und zusätzliche Erlöse erzielen. Gaskraftwerke hingegen laufen meist nur in wenigen Stunden im Jahr und sind stärker auf staatliche Vergütung angewiesen.
Würden in den Ausschreibungen zwei Gigawatt Gaskraftwerke durch Langzeit-Batteriespeicher ersetzt, könnten laut Modell jährlich bis zu 166 Millionen Euro an Subventionen eingespart werden – bei gleichbleibender Versorgungssicherheit. Über den Zeitraum von 2031 bis 2050 ergeben sich zudem erhebliche Netto-Systemkostenvorteile von rund 270 Millionen Euro durch geringere Brennstoff-, CO₂- und Importkosten.
Kein Entweder-oder, sondern Systemfrage
Die Analyse betont ausdrücklich, dass es nicht um einen vollständigen Verzicht auf Gaskraftwerke geht. Kein Energiesystem kann jederzeit absolute Versorgungssicherheit garantieren. Auch fossile Kraftwerke können ausfallen oder gewartet werden, während Speicher entladen sein können oder Importe ausbleiben.
Entscheidend ist daher der richtige Technologiemix. Ein Szenario mit acht Gigawatt Gaskraftwerken, ergänzt um zwei Gigawatt Langzeitspeicher und zwei Gigawatt Kurzzeitspeicher, zeigt bereits deutliche Vorteile gegenüber einem rein fossilen Ansatz. Speicher tragen dabei nicht nur zur Absicherung bei, sondern übernehmen zusätzliche Aufgaben im Netz- und Marktbetrieb.
Gleichzeitig wird deutlich, dass Deutschland ohne neue Kapazitäten vor erheblichen Herausforderungen steht. Durch den Ausstieg aus Kernenergie und Kohle sinkt die gesicherte Leistung langfristig. Ohne Ersatz könnten sich die erwarteten Ausfallstunden deutlich erhöhen. Speicher und flexible Nachfrage würden diesen Trend jedoch abmildern.
Politische Weichenstellung und Lobbyeinfluss
Die wirtschaftlichen Ergebnisse stehen im Kontrast zur aktuellen politischen Debatte. Statt technologieoffene Ausschreibungen konsequent umzusetzen, wird nach Wegen gesucht, die vorgesehenen Kapazitäten vollständig mit Gaskraftwerken zu besetzen. Kritiker sehen darin einen wachsenden Einfluss etablierter Energieunternehmen auf die Ausgestaltung der Kraftwerksstrategie.
Der Vorwurf wiegt schwer: Während unabhängige Analysen die Vorteile von Batteriespeichern hervorheben, könnten politische Entscheidungen gezielt zugunsten fossiler Technologien gelenkt werden. Damit würde nicht nur ein kostengünstigerer Systemumbau verhindert, sondern auch die Integration erneuerbarer Energien erschwert.
Hinzu kommt, dass andere Flexibilitätsoptionen bislang kaum berücksichtigt werden. Virtuelle Kraftwerke, Lastmanagement und digitale Steuerungssysteme spielen in der aktuellen Strategie eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig hinkt Deutschland beim Ausbau intelligenter Messsysteme hinterher, was die Nutzung dieser Potenziale zusätzlich bremst.
Markt entwickelt sich schneller als die Politik
Während die politische Ausrichtung noch diskutiert wird, zeigt der Markt bereits eine klare Entwicklung. Der Ausbau von Batteriespeichern nimmt deutlich Fahrt auf, insbesondere im Bereich großer Anlagen. Investoren treiben Projekte voran – oft ohne direkte staatliche Förderung.
Dennoch bestehen weiterhin strukturelle Hürden. Netzanschlussbedingungen, regulatorische Unsicherheiten und überlastete Genehmigungsprozesse bremsen das Wachstum. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Kooperationen zwischen Netzbetreibern und Projektentwicklern, die pragmatische Lösungen vorantreiben.
Die zentrale Frage bleibt damit offen: Wird die Kraftwerksstrategie die tatsächlichen Entwicklungen im Energiesystem abbilden – oder an einem fossilen Modell festhalten? Die vorliegenden Zahlen legen nahe, dass eine technologieoffene Herangehensweise nicht nur systemisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch geboten wäre.