Industriestrompreis: Entlastung auf dem Papier, Belastung in der Praxis
19.01.2026: Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer angespannten Lage. Hohe Energiekosten, eine schwache konjunkturelle Entwicklung und der zunehmende Fachkräftemangel setzen Unternehmen unter Druck. Besonders die Strompreise haben sich zu einem zentralen Wettbewerbsnachteil entwickelt. Während Unternehmen in China und den USA seit Jahren von stabilen Industriestrompreisen um etwa 8 Cent je Kilowattstunde profitieren, liegen die Kosten in Deutschland deutlich höher. Stromintensive Industrieunternehmen zahlen hierzulande rund 13 Cent je Kilowattstunde, mittelständische Betriebe sogar häufig etwa 18 Cent je Kilowattstunde.
Diese hohen und zugleich unsicheren Energiekosten haben spürbare Folgen. Viele Unternehmen verschieben Investitionen oder stoppen sie ganz, weil Planungssicherheit fehlt. Ohne einen klaren und verlässlichen Richtungswechsel in der Energiepolitik drohen langfristig gravierende Schäden: Innovationskraft geht verloren, Produktionsstandorte geraten ins Wanken und Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Stillstand ist in diesem Kontext keine neutrale Option, sondern führt schleichend zum Verlust von Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Substanz.
Die Modellpackung „Industriestrompreis“ der Bundesregierung
Vor diesem Hintergrund plante die Bundesregierung im vergangenen Jahr einen subventionierten Industriestrompreis. Ziel war es, energieintensiven Unternehmen einen deutlich günstigeren Strompreis zu ermöglichen. Der sogenannte Zielpreis sollte bei 5 Cent je Kilowattstunde liegen und ab dem 1. Januar 2026 rückwirkend gelten. Voraussetzung ist allerdings noch die Genehmigung der entsprechenden Förderrichtlinie durch die EU-Kommission.
Was zunächst nach einer dringend benötigten Entlastung klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als problematisch, wie die Sendung „Plusminus“ in der ARD am 14. Januar 2026 zeigte. Experten kommen zu dem Ergebnis, dass der Industriestrompreis in der vorgesehenen Form kaum helfen wird. Der Grund liegt in der komplexen Ausgestaltung, den zahlreichen Auflagen und dem hohen bürokratischen Aufwand. Zudem besteht die Gefahr, dass vor allem große, besonders stromintensive Unternehmen profitieren, während kleine und mittlere Betriebe weitgehend außen vor bleiben.
Was bleibt von der Entlastung für Unternehmen wirklich übrig?
Eine Beispielrechnung verdeutlicht, warum die Entlastung am Ende minimal ausfällt. Ausgangspunkt ist der aktuelle Strompreis für den Mittelstand von etwa 18 Cent je Kilowattstunde. Der Beschaffungspreis an der Strombörse liegt bei rund 8 Cent. Die Bundesregierung setzt einen Zielpreis von 5 Cent an, was einer theoretischen Förderung von 3 Cent je Kilowattstunde entspricht. Doch diese 3 Cent kommen nicht vollständig beim Unternehmen an.
Nach den bekannten Eckpunkten wird die Rückerstattung nur für die Hälfte des Stromverbrauchs gewährt. Aus den 3 Cent werden dadurch 1,5 Cent je Kilowattstunde. Zusätzlich gilt die Förderung nur für die Hälfte des Strompreises, wodurch sich der Betrag nochmals halbiert und bei 0,75 Cent je Kilowattstunde landet. Von diesem Betrag muss wiederum die Hälfte für verpflichtende Gegenleistungen wie Dekarbonisierungsmaßnahmen, etwa Investitionen in Speicher oder andere Klimaschutzmaßnahmen, aufgewendet werden. Übrig bleibt eine tatsächliche Förderung von lediglich 0,375 Cent je Kilowattstunde.
Der effektive Strompreis sinkt damit von 18 Cent auf rund 17,625 Cent je Kilowattstunde. Diese minimale Entlastung wird in der Praxis häufig durch den hohen bürokratischen Aufwand vollständig aufgezehrt. Anträge, Nachweise, Prüfungen und Berichtspflichten verursachen Kosten und binden Ressourcen, insbesondere im Mittelstand. Der Industriestrompreis wird so zur Mogelpackung: viel administrativer Aufwand für kaum messbare finanzielle Entlastung.
Statt Entbürokratisierung folgt noch mehr Bürokratie
Experten kritisieren das Modell daher aus mehreren Gründen. Erstens ist der Zugang zum vergünstigten Strompreis äußerst kompliziert. Viele Unternehmen erfüllen die Voraussetzungen nicht oder schrecken vor dem bürokratischen Aufwand zurück. Es handelt es sich um eine kurzfristige Maßnahme. Subventionen können strukturelle Probleme nicht lösen, sondern überdecken sie lediglich für eine begrenzte Zeit.
Das Fazit der Experten ist eindeutig: Ein Industriestrompreis in dieser Form ist keine Lösung für die Wirtschafts- und Energiekrise. Stattdessen braucht es verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen und eine grundlegende Reform der Energiepolitik.
Sinnvolle Alternativen für mittelständische Unternehmen
Gerade für mittelständische Betriebe gibt es sinnvollere Alternativen als den Gang durch die Bürokratie des Industriestrompreises. Investitionen in Photovoltaikanlagen auf Firmendächern, idealerweise kombiniert mit Stromspeichern, ermöglichen es Unternehmen, einen Teil ihres Energiebedarfs selbst zu decken. Eigenstrom ist oft deutlich günstiger als Netzstrom, sorgt für Planungssicherheit und reduziert die Abhängigkeit von politischen Fördermodellen.
Langfristig liegt der Schlüssel zur Senkung der Strompreise im konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien. Mehr Wind- und Solarstrom im System erhöht das Angebot günstiger Energie, senkt die Preise an den Strombörsen und stärkt die Versorgungssicherheit. Nur durch einen beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien lassen sich dauerhaft wettbewerbsfähige Strompreise für Industrie und Mittelstand erreichen und der Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig sichern.