Abhängigkeit: Wie Deutschlands Energieinfrastruktur erneut unter ausländischen Einfluss gerät

Industrie in Duisburg23.01.2026: Deutschlands Energiepolitik steht erneut an einer sensiblen Wegmarke. Nach der schmerzhaften Abhängigkeit von russischem Gas rückt nun ein neuer Akteur in den Fokus: die Vereinigten Staaten. Mit der Übernahme des größten deutschen Tanklagerbetreibers TanQuid durch den US-Ölkonzern Sunoco geraten zentrale Teile der kritischen Infrastruktur in ausländische Hände – erneut mit erheblicher politischer Brisanz.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Größe des Geschäfts, sondern auch das politische Umfeld. Eigentümer von Sunoco ist der Konzern Energy Transfer, geführt von Kelcy Warren, einem engen Vertrauten und Großspender Donald Trumps. Zwar hat die Bundesregierung die Übernahme unter Auflagen genehmigt, doch zu deren Inhalt schweigt das Bundeswirtschaftsministerium. Kritiker erkennen darin ein bekanntes Muster: Strategische Abhängigkeiten werden nicht aufgelöst, sondern lediglich verlagert.

Kritische Infrastruktur unter geopolitischem Einfluss

TanQuid kontrolliert rund ein Fünftel der deutschen Tanklagerkapazitäten und betreibt mehr als tausend Kilometer strategisch bedeutender Pipelines. An 15 Standorten in Deutschland sowie in einem weiteren Tanklager in Polen werden Öl und chemische Produkte gelagert, die für Industrie, Verkehr und Energieversorgung in ganz Europa unverzichtbar sind. Mit einem Fassungsvermögen von rund drei Millionen Kubikmetern erfüllt das Unternehmen eine Schlüsselrolle für die Versorgungssicherheit.

Besonders sensibel ist der militärische Aspekt der Übernahme. Zum Geschäft gehören auch 49 Prozent der Fernleitungs-Betriebsgesellschaft, die Kerosin für Militärflugplätze liefert. Darunter befindet sich der Luftwaffenstützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz, an dem US-Atomwaffen lagern. Sicherheitsexperten warnen, dass hier wirtschaftliche, energiepolitische und militärische Interessen ineinandergreifen – und dass ausländische Teilkontrolle über solche Infrastruktur politisch hochproblematisch ist.

Politische Verantwortung und alte Muster

Die Debatte berührt einen wunden Punkt der deutschen Politik. Die frühere Abhängigkeit von russischem Gas war das Ergebnis jahrelanger Entscheidungen, an denen insbesondere die CDU maßgeblich beteiligt war. Großprojekte wie Nord Stream, langfristige Lieferverträge und das Festhalten an fossilen Importen galten lange als Garant für Stabilität und günstige Energiepreise.

Heute zeigt sich, wie riskant diese Strategie war. Auch im Fall TanQuid werfen Kritiker der Union vor, wirtschaftliche Interessen über strategische Souveränität zu stellen. Die Genehmigung der Übernahme wurde mit Versorgungssicherheit begründet. Doch Versorgungssicherheit beantwortet nicht die zentrale Frage, wem die Schaltstellen der Energieversorgung gehören sollten. Abhängigkeit bleibt Abhängigkeit – auch wenn sie den Partner wechselt.

Warum der TanQuid-Verkauf die Energiewende berührt

TanQuid ist für die deutsche Industrie unverzichtbar. Die Tanklager und Pipelines sichern Produktionsprozesse, stabilisieren Lieferketten und puffern Krisen ab. Genau deshalb ist der Verkauf an einen ausländischen, fossil geprägten Energiekonzern politisch so umstritten. Denn wer diese Infrastruktur besitzt, entscheidet nicht nur über die Versorgung, sondern auch über die Zukunft des Energiesystems.

Fossile Infrastruktur ist auf jahrzehntelange Nutzung ausgelegt und wirtschaftlich nur sinnvoll, wenn Ölprodukte dauerhaft gefragt bleiben. Eigentümer haben daher ein strukturelles Interesse daran, den Umstieg auf erneuerbare Energien zu bremsen statt zu beschleunigen. Damit geraten solche Geschäftsmodelle in direkten Konflikt mit den deutschen Klimazielen und dem notwendigen Umbau der Energieversorgung.

Der lange Weg zur Unabhängigkeit

Vor diesem Hintergrund sprechen Umweltverbände und die Grünen von einem „Ausverkauf kritischer Infrastruktur“. Greenpeace kritisiert zudem die Geschäftspraktiken von Energy Transfer, das in den USA Umweltorganisationen mit existenzbedrohenden Klagen unter Druck setzt. Die Kritik richtet sich nicht gegen die Funktion der Tanklager, sondern gegen ein energiepolitisches Modell, das fossile Strukturen verfestigt.

Der Ausbau erneuerbarer Energien ist daher nicht nur eine ökologische, sondern eine strategische Aufgabe. Wind- und Solarenergie, ergänzt durch Speicher, Netze und Wasserstoff, reduzieren Importabhängigkeiten und stärken die staatliche Steuerungsfähigkeit. Solange jedoch zentrale Energieinfrastruktur privat und fossil geprägt bleibt, wird dieser Umbau erschwert.

Erneuerbare als Frage von Souveränität und Sicherheit

Die Übernahme von TanQuid zeigt, dass Energiepolitik längst Sicherheitspolitik ist. Wer Energie importiert und die dazugehörige Infrastruktur aus der Hand gibt, importiert auch politischen Einfluss. Erneuerbare Energien bieten hier einen doppelten Vorteil: Sie sind klimafreundlich und stärken die energiepolitische Unabhängigkeit.

Wenn Deutschland aus den Fehlern der Vergangenheit lernen will, darf die Verschiebung von Abhängigkeiten – von Russland zu den USA – nicht das Endergebnis sein. Die Lehre muss lauten: Kritische Infrastruktur braucht demokratische Kontrolle, Transparenz und eine klare Ausrichtung auf eine erneuerbare, souveräne Energiezukunft. Nur so lassen sich Versorgungssicherheit, Industrieinteressen und Klimaziele dauerhaft miteinander vereinbaren.

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